Evangelische Kirchengemeinde Rothenberg

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„Frau Welt auf Golgatha“ 1967
Roland Peter Litzenburger
© VG Bild-Kunst, Bonn 2020

Frau Welt auf Golgatha

Ein Bildgespräch unter Corona

Roland Peter Litzenburger (1917-1987), war ein vielseitiger Künstler im letzten Jahrhundert. Ich bin auf dem Weg, ihn posthum kennenzulernen. Es fasziniert mich, wie sehr Litzenburgers Bilder mich zum inneren Dialog herausfordern. Was ich bislang von ihm verstanden habe und worin ich mich ihm sehr nahe fühle: In der gequälten Welt entdeckt er immer wieder den Gekreuzigten. Seine Bilder sind mir eine Predigt über die Solidarität des Nazareners mit dem Leben, das von Angst und Leiden eingegrenzt ist und an seiner Entfaltung gehindert wird.

Ich frage mich, welches Bild von Roland Peter Litzenburger das Geschehen unserer Zeit aufgreifen würde.
Das intensivste Gespräch dazu hatte ich am Ende mit „Frau Welt auf Golgatha“.

Danke, wenn Sie sich jetzt Zeit nehmen, mein „Gespräch“ zu beobachten und ihm nachzudenken…

 

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 „Frau Welt auf Golgatha“ 1967
Roland Peter Litzenburger
© VG Bild-Kunst, Bonn 2020

 

Ich schaue hin:

Zwei Kreuze.
Einander zugeneigt, als wollten sich die Hingerichteten in ihrem Leiden in den Armen halten.
Allein: Fixiert an das Kreuz, das Instrument der Folter, ist es unmöglich, die Arme um den Anderen zu legen. Sie bleiben ausgebreitet.

So bleibt nur der Versuch des Einen, seinen Kopf auf die Schulter des Anderen zu legen.

Seltsam verbunden sind die beiden dennoch.
Solidarität im Leiden.
Das wird mir auch durch das Rot, das beiden Körpern eigen ist, nahegelegt. Das Rechte etwas strahlender und kräftiger. Es wirkt aber auch fließender und bewegter.

Ich frage die beiden, was ihnen das Rot bedeutet.
Will meine eigenen Bilder mit den ihren abgleichen:
     Bilder der Leidenschaft, der Liebe und der Hingabe.
     Auch:  
     Bilder der Verletzlichkeit: Blut, offene Wunden des Körpers, der Seele.

Ich höre.
Den, der an dem linken Kreuz leidet:

„Es ist das Rot der Liebe.
Aber bedenke:
Lieben schließt Leiden nicht aus. Liebe nimmt Leiden wahr.
Liebe leidet am Leiden.
Sie ist bereit, es mit dem Andern zu ertragen.
Liebe schreckt nicht zurück. Liebe läuft nicht weg.“

Ich nicke.
Andere Bilder fallen mir ein.
Bilder unserer Tage.

Ich sehe Bilder von erschöpften und ausgelaugten Pflegerinnen und Pflegern in Krankenhäusern. Hier, aber auch in Spanien, Italien, New York…
Sie laufen nicht weg...
bleiben…  
Sie ertragen das einsame und isolierte Sterben.
Sie ertragen die überfüllten Abstellkammern, die die Menge der Verstorbenen nicht mehr fassen können.

Ich höre.
Nun den am rechten Kreuz:

„Ich bin dankbar für die Liebe meines Leidensgefährten.
Hier
im Leiden, das uns beide entstellt,
hat er mich doch erkannt:
Er sieht meine Unschuld, benennt das Unrecht.
Und:
er hat mir Einblick in sein Wesen geschenkt.
Ich darf ihn erkennen.
So weiß ich, er hat Anteil an Gottes Reich!
Er wird mit mir Eingang haben in das Paradies.“

Ich bin erstaunt:
Der gekreuzigte Nazarener dankt für die Liebe des gekreuzigten Verbrechers!?
Wenn dem Verbrecher solche Liebe möglich ist, ist sie es mir dann auch?

Da mischt sich eine andere Stimme ein.
Schrill.
Aufgeregt.
Zornig.
Auf eigentümliche Weise arrogant überheblich:

„Was für ein Blödsinn! Alberne Sozialromantik!
Das ist doch nicht das Leben!
Leben muss frei sein von Elend!
Darauf habe ich einen Anspruch!
Und wer mich an leidlosem Leben hindert, der gehört ausgemerzt!
Die tun sich doch alle nur zusammen, weil sie mir ein sorgloses Leben nicht gönnen!

Gerade die Beiden da am Kreuz:
Der eine ein Verbrecher, der sich nimmt, was mir gehört.
Der Andere ein Phantast, der von Gerechtigkeit und Würde und Wert aller faselt.
Ich lass mich doch von so einem nicht in Frage stellen!

Feinde des wahren Lebens sind das!
Und ich, ich lasse mir von Keinem in mein Leben reinreden!“

© VG Bild-Kunst, Bonn 2020 - Kopieren ist nicht gestattet!Ich schaue mich um. Sehe die Frau.
Von einem grauen Schleier bedeckt?
Ich bin erschrocken.
Sieht sie denn nicht, was da geschieht?
Sieht sie nicht, dass da zwei qualvoll mit dem Sterben ringen?

Ich sehe sie mir noch einmal an.
Ist sie nackt?

Da blitzt die Erinnerung an ein Märchen auf.

Ein Kaiser hat sich von einem gewieften Schneider ganz außergewöhnlich kunstvolle Kleider fertigen lassen und lässt sich bestaunen.
Bis ein Kind die Wahrheit ausspricht:
„Du bist doch nackt!“

Diese Frau.
Die Wahrheit ist: sie ist nackt!

Sie steht dort vollkommen entblößt.
Stellt sich selber bloß mit ihrer Selbstbezogenheit.
Sie ist nackt in ihrer Sucht, wichtig zu sein und bewundert zu werden.
Sie ist ohne Kleider, weil keine Beziehung sie umhüllend birgt.

Frau Welt auf Golgatha.
     Ohne Augen für das Leiden.
     Ohne Solidarität.
     Ohne Beziehung.
     Nackt.

Sie dreht sich um und geht.

Andere kommen.
Ein geistlicher Würdenträger.
Laut verkündet er, er kenne den wahren Feind des Lebens, der alles umkehren will und darum die Welt mit einem Virus überzieht.
Ich sehe ihn in nackt.
Während er von Freiheit spricht, sehe ich, dass er die Misshandlung von Kindern für ein probates Mittel der Erziehung hält.

Dann ein Demonstrant.
Fordert Grundrechte: Selbstbestimmung und Freiheit.
Auch er: nackt.
Ich sehe, wie er von dem starken Mann (klar: ein Mann!) träumt, in dessen Glanz er wichtig ist.
Nackt geht er unter in braunem Sumpf.

Immer mehr kommen.
Männer und Frauen.
Vereint darin, dass sie alle ihr Urteil längst gefällt haben.
Und während sie für sich die Grundrechte einfordern, offenbaren sie, dass sie selbst diese Anderen nicht zugestehen.
Sie offenbaren ihre Unfähigkeit zu Solidarität.
Sie sind nackt.
Nackt und entblößt.

Eine Frage drängt sich mir auf:
Wie tolerant sind die, die Toleranz fordern?

Eine lange Reihe von Menschen, die nackt unter den Kreuzen stehen.
Ich sehe sie an und erschrecke erneut.
Diesmal tut es besonders weh:
Ich erkenne mich selbst in der Reihe der Entblößten.

Ob ich ausscheren kann?

Ich schaue auf zu den Kreuzen.
Richte meinen Blick auf das rechte Kreuz.
Spreche ihn an:
          „Ich will vertrauen!
          Hilf mir in meiner Unsicherheit!“

 

Ich wünsche uns eine gesegnete Zeit!
Ihr
           Reinhold Hoffmann

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