Evangelische Kirchengemeinde Rothenberg

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Im Schatten des Kreuzes

 

Sie führten ihn hinaus. Vor die Stadt. Dort kreuzigten sie ihn.
Und Gott schwieg… er wandte sich ab von dieser Welt. 
So kam von der sechsten Stunde an – es war die Mittagsstunde und die Sonne sollte eigentlich am Höchsten stehen! - eine Finsternis über das ganze Land. Diese dauerte 3 Stunden – bis zu neunten Stunde des Tages. 
Da schrie Jesus laut: Eli, Eli, lama asabtani? Das heißt: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? 
Dann Jesus schrie abermals laut und verschied. 

Und die Erde erbebte, und die Felsen zerrissen, und die Gräber taten sich auf. Viele Leiber der entschlafenen Heiligen standen auf. Sie gingen aus den Gräbern und später - nach Jesu Auferstehung - kamen sie in die heilige Stadt und suchten viele heim.

Als aber der Hauptmann und die Soldaten, die mit ihm Jesus bewachten, das Erdbeben sahen und was da geschah, erschraken sie sehr und sprachen: 
Wahrlich, dieser ist Gottes Sohn gewesen!

 

Der Hauptmann vor dem Kreuz.
Er ist es gewohnt sich keine Gedanken zu machen.
Er bekommt seinen Tagesbefehl: 
Heute sind wieder verschiedene Kreuzigungen angesetzt.
Es könnte unruhig werden. Ein Wanderprediger ist mit dabei, dem man Wunderkraft nachsagt. Er hatte eine unberechenbare Anzahl von Anhängern. Einige Widerstandskämpfer der Zeloten sind darunter. Also Augen auf, dass das Ganze nicht aus dem Ruder läuft! Wir wollen keine Unruhe.

Er weiß, was zu tun ist. Unruhe wird im Keim erstickt. Menschenleben sind egal. Wer Unruhe macht, ist nicht als Mensch zu sehen. Wer Unruhe stiftet ist ein Problem, das zu lösen ist. Er hat das Recht und er hat die Pflicht, sich über Leben hinwegzusetzen…

Aber dieses Mal ist alles anders. Nicht nur Menschen stiften Unruhe. Die Welt ist in Aufruhr. Ein Erdbeben. Offene Gräber. Finsternis. Und dann im Schatten des Kreuzes die Erkenntnis des Hauptmanns: Dieser ist Gottes Sohn gewesen…
Und jetzt?
Was hat er getan?
Woran sich beteiligt?
Das ist ungewohnt. Es ist bedrohlich: Das eigene Handeln in Frage zu stellen… 

Im Schatten des Kreuzes wird offenbar, was Menschen tun können, wenn sie fixiert sind auf die die eigenen Ziele. Wie schnell geht man über andere hinweg.

Kennt Ihr das? Da ist man so festgelegt mit seinen Gedanken, so beschäftigt mit dem eigenen Thema, dass man die Umstehenden gar nicht mehr wahrnimmt, die Familie, Freundinnen und Freunde, die Kolleginnen und Kollegen…

Alles was mich umgibt, verliere ich aus dem Blick. Um das anvisierte Ziel zu erreichen, gehe ich buchstäblich „über Leichen“. Manches Mal wird mir erst im Nachhinein klar, was ich - wohlmeinend schon -dennoch an ungeheurem Schaden angerichtet hat…
Sachschaden mag noch angehen…
Verletzte und gekränkte Menschen sind etwas Anderes.
Zerstörte Freundschaften. Verspieltes Vertrauen.

Und dann? Im Schatten des Kreuzes…

Wahrlich dieser…  Wahrlich diese…  … Kind Gottes… 
Im Schatten des Kreuzes eine Erinnerung: Jesus sagte : „Was ihr getan habt einem meiner geringsten Geschwister, das habt Ihr mir getan…“
Schwer, das alles dann wieder los zu werden..

Kennt Ihr das, wie ein Schuldgefühl einen gefangen nehmen kann? Es ist, als lebe man nur noch mit diesem einen Geschehen. Zukunft ist gestrichen. Die Gedanken kreisen nur noch um die Vergangenheit. Auch die Gegenwart ist ohne Bedeutung. Das Alltägliche wir unlösbar.
Das Leben kommt zum Erliegen. Perspektiven verlieren sich im Nebel.  

Wie nur werde ich das Geschehene wieder los? 
Gibt es Vergebung? 
Gibt es einen Ort, an dem ich Erleichterung und Ent-lastung erfahre? 
Was mich umgibt ist unscharf. Lösungsangebote bekommen in meiner Wahrnehmung keine Kontur.

Im Schatten des Kreuzes.

Und im Hintergrund ein Altar.

Der Altar ist mir nicht der Opfertisch. 
Der Altar ist mir der Tisch, um den sich Gemeinde versammelt.
Der erste Altar in der Bibel, den ich erinnere ist ein Altar des Dankes! 
Noah baut ihn. Nach der Bewahrung in der Zeit der Sintflut.
Dieser Altar ist der Ort des ersten Bundes, den Gott mit den Menschen schließt: Solange die Erde steht soll nicht aufhören Saat und Ernte, Sommer und Winter, Frost und Hitze, Tag und Nacht…
Dieser Bund ist nicht aufgekündigt. Aber immer wieder bestätigt.

Der Altar: Ein Tisch der Gemeinschaft. Ein Ort der Vergewisserung: Gott hat diese Welt nicht aufgegeben. Er steht zu ihr. 
Auch ein Ort der Anfrage: Stehst du, Mensch, zu diesem Bund. Bist du bereit, deinen Anteil dazuzugeben, damit das gegenseitige Vertrauen Bestand haben kann? 

Der Altar: Ein Tisch der Gemeinschaft. Ein Ort der Vergewisserung. Ob er uns zugänglich ist, wenn wir im Schatten des Kreuzes sitzen?

Wenn wir gefangen sind in unseren Zweifeln. 
Unseren Schuldgefühlen.
Unserer Ver-Zweiflung. 
Im Schatten des Kreuzes wird offenbar, wozu Menschen in der Lage sind… 
Wir stellen uns bewusst in den Schatten des Kreuzes.
Der Hauptmann damals wurde im Schatten des Kreuzes von der Erkenntnis überrascht: Wahrlich: dieser ist Gottes Sohn gewesen

Im Schatten des Kreuzes…
Die Erkenntnis des Hauptmanns: Wahrlich, dieser ist Gottes Sohn gewesen… 
Und unsere Erkenntnis: Was ihr getan habt, …das habt ihr mir getan.

Dass wir uns in den Schatten stellen hat einen guten Grund: Wir wissen etwas.
Dass wir uns in den Schatten stellen hat einen guten Sinn: Schatten entsteht dort, wo Licht ist!

Das Licht von Ostern öffnet den Raum. Das Licht der Vergebung macht Mut, sich den dunklen Seiten zu stellen, denn wir dürfen wissen:

Gottes Bund aus Noahs Zeiten, er besteht weiter. Gott erhebt keinen Anspruch auf Wiedergutmachung. Gottes Liebe öffnet Zukunft, denn sie schenkt Vergebung.

Und so stiftet sie neue Gemeinschaft. 
Bestätigt den Bund,
ruft uns zurück in den Kreis, 
in den Kreis der Lernenden, 
in den Kreis der Kinder Gottes.

Amen, das ist mir wahr!

 

Gebet

Karfreitag lächelt nicht.
Karfreitag ist nicht hell.
Karfreitag steht die Zeit still. 
Auch wenn wir nur von ferne hinsehen oder uns sogar abgewendet haben,
Gott, du hörst uns doch zu.

„Vater, vergib ihnen uns, sie wissen nicht, was sie tun,“
- so hören wir Jesus rufen. 
Auch für uns.
Wir bitten dich, Gott,
lass uns nicht achtlos an Elend und Not in dieser Welt vorbeischauen,
weil es zufällig nicht unser eigenes ist.
Hilf uns zu begreifen, was wir tun.

Es gibt sie, die Menschen, die sich einsetzten:
für das Gute und das Wahre,
für die Kleinen und Unterdrückten, 
für die Verfolgten und die Geflüchteten, die bedroht sind.
Und sie sind selber bedroht:
von den Mächtigen,
von denen, die die Wahrheit nicht hören wollen, 
von denen, denen es zu gut geht,
als dass sie Veränderung wollen.
Sie sind bedroht – oft genug auch von uns.
Von unserer Sattheit.
Unserer Gleichgültigkeit.

Hilf uns, hineinzuhören in die Seelen der Verlassenen, 
hilf uns, dich dabei an unserer Seite zu erkennen. 
Wir wollen glauben, dass du weißt, was Leiden und Tod bedeuten.
Lass uns nicht tiefer fallen, als in deine Hand.  

Einen gesegneten Karfreitag wünscht Ihnen,
Ihr Pfarrer
                  Reinhold Hoffmann

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