Evangelische Kirchengemeinde Rothenberg

Türgriffe.                                                     Das Wort zum Sonntag als PDF

Täglich nutzen wir sie.
Doch selten achten wir auf sie.
Gibt es etwas, das an Türgriffen bemerkenswert ist?
Mit Türgriffen beschäftige ich mich in meinem Wort zum Sonntag:

 

Liebe Gemeinde,

Ich vermute, viele Finkenbacherinnen und Finkenbacher kennen diesen Türgriff und hatten ihn aller Wahrscheinlichkeit auch schon in der Hand – auch wenn Ihnen im Augenblick nicht einfällt, wo das war...

Es ist der Türgriff der Kirche in Finkenbach.

 

Türen sprechen mich an. Sie erzählen mir Geschichten. Sie verraten möglicherweise etwas von dem, der dahinter lebt.

Sucht da jemand Schutz hinter einer massiven und schweren Tür? Soll verborgen werden, was intim und privat ist und das auch bleiben soll?

Oder will mich der Bewohner / die Bewohnerin einladen? Die Tür zeigt sich mit Fenstern, die einen Einblick in das Haus gewähren. Sie ist vor allem zum Schutz vor Wind und Wetter da. Ich kann mich für die zweiteiligen „Klöntüren“ begeistern, die uns vor allem im nordischen Bereich begegnen.

Wurde die Türe schon lange nicht mehr geöffnet und ist verrostet und voller Spinnweben? Ich werde neugierig. Gerne lässt meine Phantasie sich einladen, sich Geschichten von Geheimnissen und Schätzen auszudenken.

Türen sind spannend. Was wohl dahinter ist?

Es ist noch nicht so lange her, da waren Haustüren auf den Dörfern nicht abgeschlossen. Gute Bekannte von mir, aus einer früheren Zeit, hatten, sogar wenn sie in Urlaub waren, ihre Haustür immer offen.

Türen sind Schutz. Sie halten Wind, Wetter, Kälte, ungewollten Besuch draußen. Wer mich durch seine Türe lässt, sagt mir: Du bist willkommen, ich habe keine Angst vor dir. Ich vertraue dir…

Türen.
In diesen Tagen sollen sie geschlossen bleiben.
Und wir sollen hinter ihnen Schutz suchen.

Und wieder sind da Phantasien:
Viele Jahre haben beide ihr Leben öffentlich geführt. Das gemeinsam betriebene Geschäft hat das zwangsweise mit sich gebracht. Publikumsverkehr war das tägliche Brot. In jeder Hinsicht. Das Geschäft hat sie ernährt. Und immer wieder kam die Sehnsucht hoch: Mal ein Wochenende Ruhe haben. Ungestört sein! Nicht auch noch die freie Zeit in das Geschäft stecken.
Dann kam der Abschied vom Geschäft. Jetzt endlich… ungestörte Zeit füreinander! Heute steht sie am Fenster und schaut sehnsüchtig nach draußen. Vor einigen Monaten starb er.
Und jetzt: Keine ungestörte Zeit. Aber einsame Zeit. Und die Tür bleibt verschlossen. Es klopft niemand. Es darf ja auch niemand klopfen. Aus gutem Grund: Schutz vor Corona.
Es bleiben Erinnerungen. Es bleibt das Telefon. Aber das kann die Begegnung von Angesicht zu Angesicht nicht ersetzen.

Phantasien:
Was wäre das schön, den ganzen Tag mit dem Partner verbringen zu können. Da ist so wenig gemeinsame Zeit. Gemeinsam arbeiten in einem Haus – das wäre doch was! Aber so ist es nicht. Zwischen den Arbeitsplätzen liegen viele Kilometer und sogar unterschiedliche Arbeitszeiten.
Auf einmal ist es jetzt doch so. Um die Kolleginnen und Kollegen voreinander zu schützen hat der Arbeitgeber „homeoffice“ angeordnet. Für Beide! Endlich unter einem Dach gemeinsam arbeiten! Doch da stellt sich heraus: Arbeitszeit ist noch immer Arbeitszeit.
Der Partner, die Partnerin ist zwar da – und ist es doch nicht.
Ihre kurze Stippvisite dort, wo er seinen Arbeitsplatz eingerichtet hat, bringt ihr nicht das erhoffte Lächeln, sondern einen genervten Augenaufschlag: Du siehst doch, dass ich mitten in diesem Projekt stecke und mich konzentrieren muss.
Sein gut gemeintes Angebot in der Pause ein Stück ungewohnten Haushaltes zu erledigen, kollidiert mit ihren gerade begonnenen Absprachen in einer Telefonkonferenz.
Es stellt sich heraus, es ist auch schwierig, gemeinsam hinter einer Tür zu arbeiten…

Phantasien:
Wie erkläre ich meinen Kindern, dass sie zu Hause sind aber keine Ferien haben.
Welche Möglichkeiten der Beschäftigung haben wir parat, wenn man nicht nach draußen darf?
Was tun wir, wenn wir uns auf einmal nicht mehr aus dem Weg gehen können und tatsächlich Alles gemeinsam haben?

Was geschieht an Enge, an Einsamkeit, an Ratlosigkeit, an Ungeduld, an enttäuschter Hoffnung und Sehnsucht in diesen Tagen hinter unseren Türen, wenn die Pandemie uns zwingt, sie geschlossen zu halten?

Das Schöne an Türen ist, dass man sie öffnen kann. Tragisch, dass man genau das jetzt nicht darf! 

Auch der Griff der Kirchentür darf nicht in Hand genommen werden, um in den Kirchenraum zu treten und sich gemeinsam mit Anderen an Heiligem Ort der Nähe und Liebe Gottes zu vergewissern.

Ich weiß, für Viele ist der ausfallende Sonntagsgottesdienst ein echter Verlust.

Aber genau deswegen möchte ich Ihnen das Bild des Türgriffs zeigen

 

Oder die Türe der Sakristei in Rothenberg mit ihrem Griff.

Beide haben Eines gemeinsam:

Man sieht es ihnen an, dass sie unzählige Male angefasst und bewegt wurden.

Unzählige Menschen haben sie benutzt, und haben ihre Geschichten mitgebracht. Vielfältige Geschichten.

Geschichten von Hoffnung und Glück.
Geschichten von Angst und Sorge.
Geschichte von Schmerz und Verzweiflung.
Geschichten von Heilung und Dank…

Alle diese Menschen haben ihre Geschichten mitgebracht. Und ich weiß von vielen, wie gut es ihnen getan hat, diesen heiligen Raum zu betreten. Wie gut es getan hat, aus dem Alltag herauszutreten.

Sie haben die Türe mit dem vertrauten Griff geöffnet und an heiligem Ort Geborgenheit und Trost erfahren.
Werden Sie sich heilige Orte in der eigenen Wohnung schaffen können?

Alt sind die Türen und ihre Griffe.
Vieles haben sie schon überstanden.
Sie werden auch diese Zeit überstehen.

Vieles haben wir schon überstanden.
Wir werden auch diese Zeit überstehen.

Das alles jetzt ist neu und fremd.
Wir verstehen die Welt nicht mehr.

Ich vermute, neu und fremd war die Welt für die Menschen auch nach jener Naturkatastrophe, die als „Geschichte von der Sintflut“ Eingang in unsere Bibel gefunden hat.

In der Verheißung an Noah wird aber auch eine Erfahrung verdichtet weitergegeben:
„Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.“

Es wird auch der Tag kommen, an dem wir die Türgriffe unserer Kirchen wieder in die Hand nehmen.
Dann werden wir neue Geschichten mitbringen:
Geschichten was wir an Schwerem, aber auch an Tröstlichem neu erfahren haben.
Geschichten, wie uns Kraft zugewachsen ist.
Geschichten von der Begleitung Gottes – nicht am Leiden vorbei, sondern durch das Leiden hindurch…

Seien Sie gesegnet!
Seien Sie der Liebe Gottes anvertraut an jedem neuen Tag der kommenden Woche!

Der Frieden Gottes,
der Frieden, der größer ist, als meine Vernunft es beschreiben und erfassen könnte,
dieser Frieden Gottes, der berühre ihre Herzen und bewahre Ihnen Geduld und Zuversicht
in der Kraft Heiligen Geistes!
Amen


Ein Gebet 

O Gott! Es war schon oft so. Aber diesmal ist es schwerer:
Ich verstehe nicht! Ich verstehe die Welt nicht.

Sorgen prallen auf Leichtsinn.
Da sind Kranke, die mit dem Tod ringen:
Es geschieht in Ländern, die wir uns als Urlaubsland „angeeignet“ haben. Es geschieht auch bei uns.
Daneben tuen Menschen so, als gäbe es Corona nicht. Ihre Leichtsinnigkeit erlebe ich als respektlos. 

Ich verstehe die Welt nicht. Und ich verstehe mich nicht.
Warum berührt mich das Alles erst jetzt?
Schon lange waren da Schicksale in China, in Syrien, in Korea, in Italien, in Österreich, in der Schweiz…
Bin ich so abgebrüht?
Oder einfach nur erleichtert: – es betraf mich ja noch nicht.
Aber heute sind da Menschen aus meine Bekanntenkreis, die infiziert sind.

Ich verstehe die Welt nicht. Und ich verstehe dich nicht.
Wohin soll uns das führen?
Was müssen wir begreifen?
Was willst du, dass wir anders machen?
Und: Wirst du uns bewahren?

Darauf will ich vertrauen, dass du Gott uns nahe bleibst.
dass du

  • Menschen Geduld und Einsicht schenkst,
  • Mitarbeitenden in Krankenhäusern und Pflegereinrichtungen die Kraft erhältst,
  • Familien mit Geduld segnest
  • dass du der Forschung Erkenntnis ermöglichst,
  • dass du den Verantwortungsträgern Weitblick und weise Entscheidungen gibst.

Segne uns

Vater unser im Himmel
Geheiligt werde dein Name,
dein Reich komme,
dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute,
und vergib uns unsere Schuld
wie auch wir vergeben unsere Schuldigern
Und führe uns nicht in Versuchung
Sondern erlöse uns vor dem Bösen,
denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen

Evangelische Kirchengemeinde Rothenberg, Odenwälder Landstr. 1; 64760 Oberzent - Rothenberg | kirchengemeinde.rothenberg@ekhn.de / Tel.: 06275 / 1362