Evangelische Kirchengemeinde Rothenberg

Pfingstgedanken

Beim Landesposaunenfest in Ulm treffen sich mehrere 1000 Bläser*innen aus dem ganzen Land auf dem Platz vor dem Ulmer Münster und spielen „Gloria sei Dir gesungen“. Dazu läuten die Glocken vom höchsten Kirchturm der. Von dort oben muss man den besten Ausblick haben und dann noch die Klänge der Trompeten. Da fühlt man sich dem Himmel wirklich ein Stückchen näher.

Irgendwie steckt es in uns Menschen drin nach oben zu streben und andere damit zu beeindrucken. Wie ist es sonst zu erklären, dass die Menschen schon immer hoch hinauswollten? 

Das größte Gebäude der Welt ist der
Burdsch Chalifa“,
ein Wolkenkratzer in Dubai in den Vereinigte Arabische Emiraten.

 

Seine Höhe beträgt stolze 828 m.

 

Noch heute beeindrucken die
Bauwerke durch ihr Streben nach oben
und durch das Gefühl dem Himmel ein
Stück näher zu kommen. 

  

 

(Bildquelle: © M. Hermsdorf / pixelio.de)

 

Welch imposante Größe hätte wohl der Megaturm in Babel bekommen, von dem die Bibel berichtet, wenn da nicht dieser Zwischenfall gekommen wäre:

Es hatte aber alle Welt einerlei Zunge und Sprache. Als sie nun von Osten aufbrachen, fanden sie eine Ebene im Lande Schinar und wohnten daselbst. Und sie sprachen untereinander: Wohlauf, lasst uns Ziegel streichen und brennen! – und nahmen Ziegel als Stein und Erdharz als Mörtel und sprachen: Wohlauf, lasst uns eine Stadt und einen Turm bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reiche, dass wir uns einen Namen machen; denn wir werden sonst zerstreut über die ganze Erde. Da fuhr der Herr hernieder, dass er sähe die Stadt und den Turm, die die Menschenkinder bauten. Und der Herr sprach: Siehe, es ist einerlei Volk und einerlei Sprache unter ihnen allen und dies ist der Anfang ihres Tuns; nun wird ihnen nichts mehr verwehrt werden können von allem, was sie sich vorgenommen haben zu tun. Wohlauf, lasst uns herniederfahren und dort ihre Sprache verwirren, dass keiner des andern Sprache verstehe! So zerstreute sie der Herr von dort über die ganze Erde, dass sie aufhören mussten, die Stadt zu bauen. Daher heißt ihr Name Babel, weil der Herr daselbst verwirrt hat aller Welt Sprache und sie von dort zerstreut hat über die ganze Erde. 1. Mose 11, 1-9

Dey huuse ooch nautmie all gehatt. Dey kinn doch net minn, bes die mirrem Turm bei iesen Heiland komme. Dey doure sich doch allminanner bedombe wann se doas geklebt hu. So ruhlabsches Werk. Ke Wonner bes se hernoh uflärich derwerscht worn.

Wie bitte?
Haben Sie ein Wort verstanden?
Das ist keine Fremdsprache, das ist der Dialekt von Vikar Alexander Muth. So wird in seiner Heimat gesprochen. Dialekt vermittelt vielen Menschen ein Gefühl von Heimat. Wenn Menschen in Dialekt sprechen, ist das schön zu hören, gleichzeitig aber für Außenstehende schwer zu verstehen. Sie spüren dann: Hier gehöre ich nicht dazu.

Manche behaupten ja Frauen und Männer hätten ihre eigene Sprache. Männer seien eher einsilbig, könnten über ihre Gefühle nicht reden und hätten dagegen nur Freude an Daten und Fakten. Während Frauen gerne ausführlich und Details verliebt plaudern und oft emotional kommunizieren. Das sind natürlich Klischees. Dabei wäre es wichtig, dass wir beide Sprachen beherrschen: gefühlvoll und emphatisch aber auch klar und eindeutig zu reden. Das wäre Kommunikation auf Augenhöhe. Kein besser oder schlechter, sondern ein Bemühen um Verständigung. Viele Beziehungen erleben einen wahren Quantensprung, wenn die Kommunikation wieder gelingt. Denn als Menschen sind wir darauf angewiesen, dass wir eine Sprache sprechen, dass wir einander verstehen. Im Kleinen wie im Großen, in der realen, genauso wie in der virtuellen Welt.

Gelingende Kommunikation muss auf Augenhöhe geschehen. Das gilt gerade und besonders auch im Internet, bei Facebook, Twitter usw. Immer wieder gibt es feige Shitstorms gegen Politiker*innen oder Prominenten, unerträgliche Hetze und Bedrohungen.

Die gestörte Kommunikation war letztendlich das Problem, was in Babel zum Baustopp geführt hat. Es war ein Streben der Menschen nach immer mehr, immer größer, immer weiter. Es war ein Streben nach Selbstdarstellung. Das ist nach wie vor aktuell. Man zeigt sich bei Instagram, bei Facebook. Man kehrt seine beste Seite heraus um Anerkennung zu bekommen. Das ständige Streben nach Anerkennung, der andauernde Hunger nach immer mehr, kann aber auch krank machen und laugt aus. Letztendlich fragt dieses Streben nicht mehr nach Gott. Wir selbst machen uns zum Herrscher über uns und manchmal auch über andere.

Die Sprachverwirrung setzte dem Treiben in Babel ein Ende. Nun passiert aber an Pfingsten etwas ganz Gegenteiliges. Die Sprachverwirrung wird überwunden. Denn die Jünger in Jerusalem sprechen plötzlich in Sprachen, die sie nie gelernt haben und sind so für alle Menschen verständlich. Plötzlich funktioniert das, was wahres Menschsein ausmacht: gelingende Kommunikation! Kennen Sie das noch, wenn wir uns plötzlich und intuitiv verbunden wissen mit Menschen unterschiedlichen Alters, anderer Gewohnheiten und Vorlieben oder anderem Aussehen.

Ich habe das erlebt etwa im Fußballstation, wenn meine Mannschaft ein Tor schießt und das Spiel gewinnt, oder bei einem Konzert, wenn alle zusammen singen und die Musik einen packt und ergreift, oder wenn ein gewaltiges Naturschauspiel wie ein Sonnenaufgang oder ein Wasserfall beeindruckt. Plötzlich fühlt man sich mit den anderen verbunden dem Himmel so nah. Wie viel Nachholbedarf haben wir doch, nach diesen Dingen.

Wir brauchen wieder diese Verständigung, ja und auch das Gefühl von Einheit mit Gott. Pfingsten kehrt die Blickrichtung um: Nicht das Streben nach Größe und Selbstdarstellung fährt den Sieg ein, sondern das Geschenk des Himmels: Gott wendet sich den Menschen zu und diese kommunizieren auf Augenhöhe, respektvoll und großherzig.

Tun Sie es auch.
Nicht nur an Pfingsten!

Ihre 
Pfarrer Norbert Feick und Vikar Alexander Muth

 

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