Evangelische Kirchengemeinde Rothenberg

Sie finden die Andacht ausgerduckt in der "offenen Kirche" in Rothenberg

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Blauer Christus

 

 

„Blauer Christus“ 1950
Roland Peter Litzenburger
© VG Bild-Kunst, Bonn 2020

 

 

 

 

Eine Andacht

Bei einer Suche nach Christusdarstellungen im Internet stieß ich auf einen Künstler des vergangenen Jahrhunderts: Roland Peter Litzenburger (1917-1987). Viele seiner Bilder waren mir in der religions-pädagogischen Arbeit schon begegnet.

Nun war ich noch einmal neu interessiert an dem Künstler.

 

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Jesus und Thomas
Roland Peter Litzenburger
© VG Bild-Kunst, Bonn 2020

 

Eine Frage sprang mich an, die Theo Schmidkonz, SJ, zu dem nebenstehenden Bild „Jesus und Thomas“ formulierte:

Roland P. Litzenburger fragt, lässt auch seine Bilder fragen: »Wer bin ich, wenn mich niemand anschaut?«

Ein wertvolles Bild, das nur herumhängt oder irgendwo verschlossen bleibt, ein Bild, das keiner wirklich anschaut, betroffen oder liebend in sich aufnimmt – hat keinen Sinn, ist eigentlich tot.

Wer bin ich, wenn keiner mich anschaut? – Ich habe Bilder aus Frankreich, Italien, Spanien und Amerika seit Februar diesen Jahres vor Augen. Bilder von Kranken in überfüllten Stationen, von erschöpftem Pflegepersonal, gestapelte Tote in Leichensäcken.

Das Coronavirus hat uns die Frage auf seine Weise gestellt:
Wer bin ich, wenn keiner mich besucht?
Wer bin ich, wenn mir alle - wenn ich allen - aus dem Wege gehen?
Wer bin ich, wenn ich einsame Selbstgespräche führe?
Wer bin ich, wenn mich keiner berührt? Wenn sich keiner von mir berühren lässt?

Dieses Bild ist urheberrechtlich geschützt. Es darf nicht kopiert werden!Neugierig geworden suchte ich nach mehr Bildern von Roland Peter Litzenburger.
Und dann sah mich dieses Bild an mit dem seltsamen Titel: „Blauer Christus“.

 

"Blauer Christus"; 1950
Roland Peter Litzenburger
© VG Bild-Kunst, Bonn 2020

Noch einmal Theo Schmidkonz:
»Wer bin ich«, fragt Litzenburger, »wenn keiner mich anschaut?«
In der Tat: ein Nichts, bedeutungslos, ein Wesen ohne Hoffnung und Sinn. Aber weil ER, dieser Jesus, mich anschaut, bin ich ein Mensch, ein Unsterblicher.
Wer kann dies fassen, je begreifen? Ich kann nur staunend mit Thomas sagen: »Mein Herr und mein Gott.« Wer bin ich, dass du mich anschaust?

 

Wer bin ich, dass du mich anschaust?

Wie kaum ein anderes Bild drängt mir dieses Bild ein Gespräch auf.
Es bleibt zunächst ein Gespräch mit mir selbst:
Wer bin ich? Und was kann dieses mein „Ich“ sehen?

Ich sehe:  Blaue Fläche aus Tinte, schwarze Fläche aus Tusche, schwarze Zeichnungen darauf. Ein Gesicht. Aber nicht nur. Denke ich das Gesicht weg, entsteht der Eindruck von Landschaft. Fast glaube ich die Weltkugel zu erkennen. Vielleicht aber doch nur ein Ufer mit Schilf? Schaue ich auf eine Wasserfläche, die das Spiegelbild eines Gesichtes zurückwirft?

Diese Deutung hat ihren Reiz. Mir wird die Schöpfung zu einem Gegenüber. Sie wird Person, die eine Beziehung zu mir sucht. Das kommt mir sehr entgegen. Es berührt ein Thema, das mir allgegenwärtig ist. Wie gehen wir mit dieser Welt um? Welche Möglichkeiten hinterlassen wir unseren Kindern und Enkeln? Werden wir es lernen, uns als Teil der Schöpfung zu begreifen? Werden wir aufhören können, uns an ihr zu vergreifen damit ihre Gaben auch für unsere Nachfahren noch greifbar sind?

Das ist ein Thema, das mich beschäftigt. Hoch besetzt mit Schuldzuweisungen. An die Wirtschaft, die Politik, die Anderen… und ja, auch an mich.
Ich sehe Christus, der mich aus der gequälten Schöpfung heraus ansieht.

Ich erinnere mich: 1950 hat R. P. Litzenburger dieses Bild gemalt. Umweltschutz war damals kein Thema. Der zweite Weltkrieg war erst 5 Jahre vorbei. Dessen Schrecken waren noch präsent. Aber auch die Energie und der Mut der „Trümmerfrauen“. Es war eine andere Welt. Das Wirtschaftswunder nahm Fahrt auf. Alles schien möglich.
Die Fragen damals waren andere als die von heute. Oder ahnt Litzenburger doch schon, dass Perspektivwechsel notwendig sind?

Zu was wird die Welt, wenn mein „Ich“ heute sie ansieht?
Anvertraute Aufgabe?
Zu beherrschende und auszubeutende Ressource?
Und wer bin ich, wenn ich Gottes Schöpfung ansehe?
Ein Liebender?
Ein Ausbeuter?

Ich trete innerlich einen Schritt zurück. Schaue das Bild noch einmal in der Gesamtschau an. Es ist ein Gesicht. Es ist das Gesicht Christi. Der Nimbus, die Strahlen um seine Kopf. Sie weisen ihn eindeutig als den Christus aus. Gekreuzigt und auferstanden. Auch das eine „Zusammenschau“. Gleichzeitig sind da: Die Erfahrung von Leid und die Erfahrung von Überstandenem, Das Erleben von Abschied und die Gestaltung von Neubeginn.

Ich sehe: Er sieht mich an.  Aus dem Blau tiefer Erkenntnis sieht mich das Gesicht Christi an, das mir Fragen stellt. Ich höre, wie er mich fragt: Wer bin ich, wenn Du mich anschaust? Er fragt mich:
Siehst du in mir den Mahner? Gar den Richter? Den, der die Hand hebt, um zu drohen und zurechtzuweisen?
Ich schaue dich an. Also: wenn ich mahne, dann mahne ich dich! Nicht die Anderen. Es geht um dich und mich. Welche Beziehung willst du zu mir haben? Zu welcher Beziehung mit mir bist du bereit?
Soll ich dir sagen was du tun sollst? Weißt du das nicht längst?
Oder brauchst du Sicherheit? Suchst du in mir den starken Wegweiser, der dir sagt, wo es entlang geht und der dir deine Verantwortung abnimmt?
Ich weiß. Das Geschehen der Welt ist kaum zu verstehen und es verwirrt. Gerade jetzt liegen nachvollziehbare und einfache Lösungen nicht auf der Hand. Das macht es so schwer, sich verantwortungsbewusst durch diese Welt zu bewegen.
Aber: In Wahrheit war das schon immer so. Schon damals wussten weder weltliche Macht noch die religiöse Elite, was sie da tun.
Also:
Ist es das, was du brauchst?
Die Möglichkeit, die Last deiner Verantwortung los zu werden und sie mir aufzubürden? Wer bin ich für dich? 

Ja, es wäre verlockend und bequem, alle Entscheidungen abgenommen zu bekommen. Wenn etwas schief geht, könnte ich mit Fug und Recht sagen: Er war’s!

Noch einmal trete ich zurück. Ich suche den Blick auf das Ganze. 

Ich sehe ihn an. Seine Augen halten mich fest. Sein Blick dringt tief in mich ein. Er durchschaut mich. Er erkennt mich. Und doch: Es bleiben gütige Augen.

Sein Mund bleibt verschlossen. Er muss nichts sagen. Ich weiß es auch so. Er kennt mich. Das muss er mit nicht beweisen, indem er meine Geheimnisse offenlegt.

Überhaupt nehme ich erst jetzt seinen Mund war: Keine schmalen Lippen. Keine Verbissenheit. Ich sehe keinen Zorn. Ich sehe keine Verärgerung.

Fast deutet sich mir an seinem rechten Mundwinkel ein liebevolles Lächeln an. Aber vielleicht will ich das auch nur sehen. Es passt so gut. Denn auf einmal sieht mich einer an, der mir etwas zutraut. Da höre ich ihn wieder:

Du brauchst keine Führer. Du hast alles was du brauchst, um richtige Entscheidungen zu treffen. Trau dich! Es wird nicht leicht. Sicher nicht. Ich weiß darum. Aber wenn du deinen Weg gehst; wenn du den Weg gehst, der wahrhaft der deine ist, dann bleibst du dir selber treu. Und du bleibst dem treu, der dich mit deinen Gaben befähigt hat.
Was also brauchst du von mir?

Lass mich dir sagen, was ich dir anbiete:
Ich biete dir an: Begleitung. Ermutigung. Gespräch, Ringen um das, was richtig ist.
Am Ende: Ich biete dir an :  Glück und Frieden an, das nur der findet, der dem Leben, der Versöhnung und der Liebe dient. Was ich dir anbiete, das ist: Segen!

Noch einmal trete ich zurück und sehe ihn an.

Jetzt sehe ich es : Seine Hand ist zum Segen erhoben.

Und jetzt weiß ich, was ich sein möchte: Ein Empfangender.

Jetzt weiß ich, was ich ihm sagen möchte:   Sei mir Weggefährte. Segne mich!

 

Ich wünsche Ihnen eine gesegnete Woche!
Herzlichst,
Ihr

Reinhold Hoffmann

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